111
Stephen King: Das Leben und das Schreiben

Stephen King:
Das Leben und das Schreiben

 

Ullstein, 2000

„Warum sollte gerade ich von der Arbeit des Schriftstellers berichten? Wieso war gerade ich der Ansicht, etwas Sinnvolles darüber zu sagen zu haben?“ Diese Fragen stellt sich Stephen King im ersten — von drei — Vorwörtern seines neuen Buches. Nach kurzem Hin-und-Her erklärt er: „Dieses Buch ist ein Versuch, kurz und bündig darzulegen, wie ich zu dieser Kunst kam, was ich inzwischen über sie weiß und wie sie gefertigt wird.“

Dieser Aufgabe stellt er sich in zwei Teilen, dem „Lebenslauf“ und dem „Werkzeugkasten“. Über Stephen Kings Leben ist viel geschrieben worden, doch es überrascht, dass der offenste und schonungsloseste Bericht ausgerechnet von ihm selbst kommt. Er erzählt freimütig von seiner Kindheit und Jugend, seinen ersten Schreibversuchen und dem langersehnten Erfolg. Der Weg zum Bestsellerautor war schwierig, daran lässt King keine Zweifel, aber auch das Leben als Superstar hat seinen Preis. Über Alkohol und Drogen, über seinen überdimensionalen Schreibtisch und die Auseinandersetzungen mit seiner Frau Tabitha legt er Rechenschaft ab.

Der zweite Teil handelt vom eigentlichen Thema des Buches, dem Schreiben selbst. Darin erläutert er, wie er selbst sein Handwerk ausübt, vergleicht dies mit der Arbeitsweise anderer Autoren, gibt Ratschläge, worauf angehende Schriftsteller achten und was sie vermeiden sollen. Er geht sehr detailliert vor, und immer wieder wundert man sich, dass sein Credo lautet: kurz fassen. Schließlich haben seine Bücher selten unter 500 Seiten.

 

auch als E-Book erhältlich

 

Leseprobe

 

Ungefähr ein Jahr später zogen meine Mutter, mein Bruder und ich nach West De Pere, Wisconsin. Warum, weiß ich nicht. Eine andere Schwester meiner Mutter, Cal (eine ehemalige Schönheitskönigin des Women’s Army Corps aus dem Zweiten Weltkrieg), wohnte mit ihrem geselligen, biertrinkenden Mann in Wisconsin; vielleicht wollte Mom in ihrer Nähe sein. Aber selbst wenn, kann ich mich nicht erinnern, die Weimers oft gesehen zu haben. Oder überhaupt jemanden. Meine Mutter arbeitete, aber was genau sie machte, weiß ich nicht mehr. Fast hätte ich gesagt, sie arbeitete in einer Bäckerei, aber das war, glaube ich, erst später, als wir nach Connecticut zogen, in die Nähe ihrer Schwester Lois (bloß bekam deren Mann Fred nicht viel Bier, und mit der Geselligkeit war es auch nicht weit her; er war ein Typ mit Bürstenschnitt, der stolz darauf war, sein Cabrio mit geschlossenem Verdeck zu fahren, Gott weiß, warum).

In der Zeit in Wisconsin hatten wir einen Babysitter nach dem anderen. Ich weiß nicht, ob sie aufhörten, weil David und ich solche Nervensägen waren, weil sie besser bezahlte Jobs fanden oder weil meine Mutter zu hohe Anforderungen an sie stellte, die sie nicht erfüllen wollten. Ich weiß nur, dass wir Babysitter in rauen Mengen verschlissen. Die einzige, an die ich mich deutlich erinnern kann, ist Eula, vielleicht hieß sie auch Beulah. Sie war ein Teenager, fett wie ein Walross, und lachte gerne. Eula-Beulah hatte einen herrlichen Humor, das konnte ich schon mit vier Jahren erkennen, aber er war auch gefährlich: Hinter ihrer Ausgelassenheit, wenn sie Klapse verteilte, ihr Hintern wackelte und sie den Kopf in den Nacken warf, schien immer ein potentieller Donnerschlag zu lauern. Wenn ich die mit versteckter Kamera aufgenommenen Filme sehe, in denen echte Babysitter und Kindermädchen plötzlich sauer werden und die Kleinen verdreschen, muss ich immer an meine Zeit mit Eula-Beulah denken.

War sie zu meinem Bruder David genauso gemein wie zu mir? Keine Ahnung. Er kommt in meinen Erinnerungen an sie nicht vor. Außerdem wäre er den gefährlichen Winden des Hurrikans Eula-Beulah sowieso nicht so ausgesetzt gewesen wie ich, da er mit sechs Jahren bereits im ersten Schuljahr und daher den Großteil des Tages außerhalb der Kampfzone war.

Einmal war Eula-Beulah zum Beispiel am Telefon, lachte über irgendetwas und winkte mich zu sich. Sie schlang die Arme um mich, kitzelte mich, brachte mich zum Lachen und gab mir dann, immer noch lachend, eine so heftige Kopfnuss, dass ich hinfiel. Dann kitzelte sie mich mit ihren nackten Füßen, bis wir beide wieder lachten.

Eula-Beulah furzte oft und gerne, und zwar richtig laut und übelriechend. Manchmal, wenn sie von dieser Plage heimgesucht wurde, warf sie mich auf die Couch, drückte ihren Hintern im Wollrock auf mein Gesicht und legte los. „Peng!“ rief sie dann lustvoll. Es war, als stände ich unter Sumpfgasbeschuss. Ich erinnere mich an die Dunkelheit unter ihrem Rock, an das Gefühl zu ersticken … und an das Lachen. Denn was passierte, war zwar irgendwie furchtbar, aber auch gleichzeitig irgendwie lustig. In mancherlei Hinsicht bereitete mich Eula-Beulah auf die Literaturkritik vor. Wenn einem erst mal ein zwei Zentner schwerer Babysitter aufs Gesicht gefurzt hat (und aus einer anderen, Lichtjahre entfernten Realität lustvoll „Peng!“ gerufen hat), kann einen die Village Voice nicht mehr schrecken.

Ich weiß nicht, was mit den anderen Babysittern passierte, aber Eula-Beulah wurde gefeuert. Und zwar wegen der Eier. Eines Morgens briet sie mir ein Ei zum Frühstück. Ich aß es und wollte noch eins. Eula-Beulah briet mir ein zweites Ei und fragte mich dann, ob ich noch ein drittes wolle. Sie hatte diesen Blick drauf, der besagte: „Du isst auf keinen Fall noch eins, Stevie.“ Natürlich wollte ich noch eins haben. Und noch eins. Und so weiter. Nach dem siebten, glaube ich, hörte ich auf. Jedenfalls ist mir diese Zahl im Gedächtnis geblieben. Vielleicht hatten wir auch keine Eier mehr. Vielleicht fing ich an zu heulen. Oder Eula-Beulah bekam es mit der Angst. Ich weiß es nicht mehr, aber wahrscheinlich war es ganz gut, dass das Spiel bei sieben aufhörte. Für einen Vierjährigen sind sieben Eier eine ganze Menge.

Eine Weile fühlte ich mich noch gut, doch dann kotzte ich alles aus. Eula-Beulah lachte, gab mir eine Kopfnuss, steckte mich in den Wandschrank und schloss die Tür ab. Peng. Wenn sie mich im Badezimmer eingeschlossen hätte, hätte sie ihren Job möglicherweise behalten. Tat sie aber nicht. Mir machte es eigentlich gar nichts aus, im Wandschrank zu hocken. Es war zwar dunkel, doch roch es nach dem Coty-Parfüm meiner Mutter, und unter der Tür leuchtete tröstlich ein Lichtstreifen.

Ich krabbelte in die hinterste Ecke, Moms Mäntel und Kleider strichen mir über den Rücken. Dann fing ich an zu rülpsen – lange, laute Rülpser, die wie Feuer brannten. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir richtig schlecht war, doch muss es so gewesen sein, denn als ich den Mund öffnete, um den nächsten beißenden Rülpser zu tun, übergab ich mich ein zweites Mal. Auf die Schuhe meiner Mutter. Das war Eula-Beulahs Ende. Als meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam, schlief der Babysitter tief und fest auf der Couch, und Klein Stevie war im Wandschrank eingeschlossen. Es schlief, und in seinem Haar klebten halbverdaute Spiegeleier.