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Andrew, Sally:
Tannie Marias Rezepte 			für Liebe und Mord

Sally Andrew:
Tannie Marias Rezepte für Liebe und Mord

Atrium, 2016

Auftritt Tannie Maria: eine liebenswerte Hobby-Detektivin mit großem Herzen, feiner Nase und verführerischem Kochtalent. Vor der malerischen Kulisse des ländlichen Südafrikas geht die Tannie mit höchst ungewöhnlichen Methoden auf Mörderjagd.

Südafrika, in der beschaulichen Klein Karoo: Hier lebt Tannie Maria, eine lebensfrohe Witwe, in einem Haus unter einem Eukalyptusbaum. Wenn sie nicht gerade in ihrer Küche neue Gerichte erfindet, schreibt Tannie Maria an ihrer Kolumne für die Lokalzeitung, in der sie robuste Lebenshilfe erteilt – und diese zur Begeisterung der Abonnenten zuverlässig mit den köstlichsten Rezepten garniert. Als jedoch eine junge Frau ermordet aufgefunden wird, gibt es nichts mehr, was Tannie Maria noch in der Küche hält. Nachdem sie in ihrem Leben schon so manches Geheimnis – unter anderem das des perfekten Schokoladenkuchens – gelüftet hat, schreckt sie auch vor der Jagd nach einem waschechten Mörder nicht zurück. Sie folgt ihrer feinen Nase, womit sie schon bald Detective Kannemeyer in die Quere kommt, der sich bei seinen Ermittlungen lieber auf klassische Polizeimethoden verlässt. Vergeblich versucht Kannemeyer, die ebenso bezaubernde wie hartnäckige Hobby-Detektivin kaltzustellen. Denn Tannie M lässt sich nicht beirren und folgt weiter ihrer Spur, die sich als immer heißer und gefährlicher entpuppt …

auch als E-Book erhältlich

Leseprobe

Ist das Leben nicht komisch? Wie eins zum anderen führt, ohne dass man es vorhersieht?

An jenem Sonntagmorgen stand ich in der Küche und rührte in einem gusseisernen Topf meine Aprikosenmarmelade. Es war ein typischer trockener Sommertag in der Klein-Karoo,ich war dankbar für die Brise, die durchs Fenster hereinwehte.

»Wie du duftest!«, sagte ich zum Appelkooskonfyt.

»Aprikosenmarmelade« klingt wie ein Produkt aus dem Supermarkt, bei einem Konfyt hört man, dass es selbst gemacht ist. Meine Mutter hat Afrikaans gesprochen, mein Vater Englisch, und in mir vermischen sich die beiden Sprachen. Ich koche Afrikaans und diskutiere auf Englisch, aber wenn ich fluche, geht das nur auf Afrikaans.

Das Konfyt bekam gerade die richtige Konsistenz, dickflüssig und klar, als ich ein Auto hörte. Ich gab Aprikosenkerne und eine Zimtstange in den Topf, ohne zu ahnen, dass das Auto die erste Zutat eines Rezepts für Liebe und Mord bringen würde. Aber vielleicht ist das Leben wie ein unermüdlicher Fluss, der vom Tod zur Liebe fließt und wieder zurück. Hin und her. Doch obwohl es auf diese Weise dahinströmt, gibt es viele Menschen, die nie schwimmen. So wie ich. Jedenfalls dachte ich das bisher.

Die Karoo ist eine der ruhigsten Gegenden Südafrikas, man hört ein Auto schon aus weiter Ferne. Ich stellte den Herd ab und legte einen Deckel auf den Topf. Mir blieb noch Zeit, um mir die Hände zu waschen, die blaue Schürze abzunehmen, meine Frisur im Spiegel zu prüfen und den Wasserkocher anzustellen.

Dann hörte ich quietschende Bremsen und einen Rums. Ich nahm an, dass es Hattie war. Sie ist eine Katastrophe am Steuer. Ich spähte nach draußen: Ihr weißer Toyota Etios drückte sich an einen Eukalyptusbaum in meiner Auffahrt. Zum Glück hatte sie nicht meinen alten Nissan-Pick-up erwischt. Ich holte die Melktert aus dem Kühlschrank.

Meine Freundin Harriet Christie ist Chefredakteurin der Klein-Karoo Gazette, in der ich Rezepte veröffentliche. Ich bin eigentlich keine Journalistin, sondern nur eine Tannie, die viel und gerne kocht und ein bisschen schreibt. Mein Vater war Journalist, meine Mutter eine tolle Köchin. Sie hatten nicht viele Gemeinsamkeiten, deshalb stelle ich mir gerne vor, dass ich sie mit meiner Rezeptseite auf gewisse Weise zusammenbringe.

Hattie hatte ihre schicken Sachen für die Kirche an, sie trug einen rosafarbenen Rock mit Blazer. Ihre hohen Absätze wackelten über die Pfirsichkerne auf dem Weg zum Haus. Solange sie auf den Pflastersteinen blieb, ging es. Es ist mir immer noch ein bisschen peinlich, wenn ich Leute aus der Kirche kommen sehe, weil ich seit dem Tod meines Mannes Fanie nicht mehr im Gottesdienst war. All die Jahre, in denen ich lieb und brav neben ihm auf der Holzbank saß, der Predigt des Pastors lauschte und anschließend nach Hause fuhr, um von Fanie Prügel zu kassieren, haben mir die Kirche irgendwie verleidet. Die Schläge haben mir den Mut genommen, an irgendetwas zu glauben. In den Jahren mit Fanie sind Gott, Glaube und Liebe durchs Fenster
davongeflogen.

Seitdem lasse ich immer alle Fenster offen, dennoch kommen sie nicht zurück.